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Probiotischer Jogurt, Omega-3-Brot und die Zukunft der Ernährung

Funktionelle Lebensmittel: Moderatorin Dr. Helga Blasius fasst Podiumsdiskussion mit Experten zusammen

Der Begriff „Functional Food“, also „Funktionelle Lebensmittel“, hat sich in der Fachwelt etabliert. Dabei handelt es sich um eine neue Generation von Nahrungsmitteln: Durch veränderte physikalische Strukturen und chemische Zusammensetzungen sollen bestimmte Effekte in den Körperfunktionen des Menschen erreicht werden. Als Beispiele gelten der probiotische Jogurt, der den Stoffwechsel positiv beeinflussen soll, oder das Omega-3-Brot zur Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems.

Das zunehmende Angebot dieser Nahrungsmittel verändert nach Meinung der Experten in Zukunft die Auffassung von Nahrung und Gesundheit. Grund genug, dieses Thema bei der Ahrtalschau, der größten Verbrauchermesse im Kreis Ahrweiler, zur Sprache zu bringen. Functional food bildete das Top-Thema des Standes „Gesundheits- und Fitnessregion Kreis Ahrweiler“. Moderatorin Dr. Helga Blasius aus Remagen fasst wesentliche Aussagen der Diskussionsrunde an diesem Ausstellungsstand zusammen.

Die Podiumsdiskussion fand zur besten Mittagszeit statt. So wurde der lebhafte Gedankenaustausch der namhaften Experten nicht nur von angeregtem Geschirrklappern begleitet, sondern auch mit entsprechendem Interesse verfolgt. Den Ernährungs-Trend in der Bevölkerung schilderte die Moderatorin selbst: „Wir wollen uns zwar gesund ernähren, gleichzeitig aber auch bequem, schnell und unkompliziert.“ Das bringe die heutige, vielfach hektische Lebensweise so mit sich. Häufig werde von den Lebensmitteln, die wir täglich zu uns nehmen, noch ein Zusatznutzen erwartet. Die Lieferung von Energie und Nährstoffen allein reiche nicht aus. Für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit sollen die Nahrungsmittel sorgen, vielleicht sogar nachteilige Lebens- und Ernährungsgewohnheiten wettmachen.

So verwundere es nicht, fuhr Dr. Blasius fort, dass die großen Lebensmittelkonzerne seit einigen Jahren zunehmend Produkte auf den Markt bringen, denen ein besonderer gesundheitlicher Nutzen zugeschrieben werde: die funktionellen Lebensmittel. Was deren Marktanteil anbelange, so hinke Europa zwar noch bei weitem hinter den USA und Japan hinterher, aber immerhin: Die Deutschen seien die europäischen Spitzenreiter beim Verzehr von „functional food“.

Was es mit diesen Produkten auf sich hat, beleuchtete Prof. Dr. Gerhard Rechkemm von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe. Er gilt als ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet, der gemeinsam mit der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen in Bad Neuenahr-Ahrweiler zurzeit ein breit angelegtes Projekt zur Bedeutung funktioneller Lebensmittel durchführt.

Ein Lebensmittel könne als „funktionell” betrachtet werden, wenn es über die Ernährung Funktionen im Körper positiv beeinflusse und so zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens oder sogar zur Verringerung eines Krankheitsrisikos führe. Die Produkte unterschieden sich von „normalen“ Lebensmitteln in der Regel dadurch, dass in ihnen bestimmte Komponenten angereichert, hinzugefügt oder entfernt wurden. Das Spektrum sei vielfältig und reiche von den derzeit wohl bekanntesten probiotischen Milchprodukten, über mit Vitaminen angereicherte Obst- und Gemüse-Zubereitungen bis hin zu Broten und Brötchen, die mit Fischöl hergestellt sind, um damit die Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren zu erhöhen.

Es sei zwar nicht wegzudiskutieren, meinte Rechkemmer, dass ernährungsabhängige Krankheiten wie Diabetes Typ II, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebserkrankungen zunähmen, so dass präventiv-medizinische Aspekte der Ernährung durchaus verstärkt beachtet werden sollten. Dennoch bezeichnete der Ernährungsexperte einige Aspekte mit Blick auf „functional food“ als besonders problematisch: Es existierten bisher weder in Deutschland noch in der Europäischen Union rechtsverbindliche Definitionen oder spezielle gesetzliche Regelungen. Es gebe keine Zufuhrempfehlungen für einzelne so genannte „sekundäre Pflanzenstoffe“, von denen möglicherweise positive Effekte zu erwarten seien. Außerdem stehe der wissenschaftliche Nachweis von Wirkungen auf die Gesundheit meist noch aus.

Auf das Problem der Abgrenzung zu Arzneimitteln ging Dr. Rose Schraitle vom Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller e.V. in Bonn ein. Functional food seien zwar prinzipiell Lebensmittel, befänden sich jedoch aufgrund der durch Werbung und Marketing verbreiteten gesundheitsbezogenen oder sogar krankheitsbezogenen Aussagen in einer Grauzone zwischen Lebensmittel- und Arzneimitteln. Für den Verbraucher sei es bedauerlicherweise in manchen Fällen nicht erkennbar, welches Produkt er vor sich habe.

Die Arzneimittelhersteller müssten aber, um entsprechende Aussagen zu rechtfertigen, im Gegensatz zur Lebensmittelindustrie umfangreiche und außerordentlich kostenintensive Studien vorlegen. Schraitle glaubt nicht, dass ein Krankheitsrisiko sich allein durch den häufigen Verzehr von „functional food“ ausschalten lässt. Sie sieht die Produkte lediglich als einen Baustein im Rahmen einer gesunden Lebensweise an.

Beate Bimmer von der Staatlichen Lehr-und Versuchsanstalt für Landwirtschaft, Weinbau und Gartenbau (SLVA) in Bad Neuenahr-Ahrweiler betonte, dass die Natur selbst genügend optimales „functional food“ zu bieten habe. Natürliche Lebensmittel wie Obst und Gemüse enthielten funktionell wirksame Inhaltsstoffe in großen Mengen, und die positiven Wirkungen eines hohen Gemüse- und Obstverzehrs seien durch zahlreiche Studien belegt. Für wichtiger als teure „Sonder-Lebensmittel“ hält sie eine sorgfältige Auswahl beim Einkauf, eine sachgerechte Lagerung und Zubereitung sowie viel Abwechslung in der Ernährung mit normalen Lebensmitteln.

Auch Helga Wohlgemuth-Witsch, Ernährungsberaterin und Diabetesberaterin DDG der Aktiengesellschaft Bad Neuenahr-Ahrweiler, warnte vor allzu hohen Erwartungen an die Effekte funktioneller Lebensmittel. In ihrer Beratungspraxis nähmen diese bislang keinen gesonderten Platz ein. Wohlgemuth-Witsch regte an, in den Schulen mehr für die Anleitung von Kindern und Jugendlichen zu tun; für diese Personen stellten die so genannten „Energy-drinks“ möglicherweise einen besonderen Anreiz zur gesunden Ernährung und Lebensweise dar.

Der Chefarzt der Klinik Niederrhein in Bad Neuenahr-Ahrweiler, Dr. Eberhard Zillessen, gab eine Einschätzung über den möglichen Nutzen funktioneller Lebensmittel vornehmlich bei Kranken und älteren Menschen ab. Gerade ältere Menschen hätten häufig Probleme, täglich für eine abwechslungsreiche Ernährung zu sorgen. Ein ausgewogenes Spektrum an Nährstoffen lasse sich in den kleinen Verzehrsmengen kaum unterbringen. Daher sei die Gefahr der Fehl- oder Mangelernährung für sie in besonderem Maße gegeben. Hieraus lässt sich aus Zillessens Sicht durchaus ein sinnvoller Ansatz für funktionelle Lebensmittel ableiten, beispielsweise in Form von speziell auf den Seniorenbedarf abgestellten Fertiggerichten.

Blasius abschließend: Obwohl die Podiumsdiskussion unter dem Strich deutlich gemacht habe, dass auf dem Gebiet „functional food“ noch viele Fragen offen seien, sei dies offenbar kein Grund für die Verbraucher, verunsichert zu sein. „Unsere Lebensmittel sind sicher“, beruhigte der in Kreisverwaltung Ahrweiler für die Lebensmittelüberwachung zuständige Amtstierarzt Dr. Heinz Pollmann die interessierten Zuhörer: „Zumindest hatten wir in diesem Bereich bislang noch keine Beanstandungen, die Anlass zur Sorge gegeben hätten.“


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© Kreisverwaltung Ahrweiler - 29.11.2002

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