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Lauter lebensbejahende Zeichen: Titus Reinarz – Retrospektive

areKULTURlive zeigt Skulpturen und Zeichnungen im „Haus der Kultur“ Burgbrohl – Mahnmal des Künstlers in Sinzig, Europa-Säule in Ahrweiler, Rennwagenobjekt am Nürburgring

Sein Beruf ist ihm Berufung. „Ohne die Kunst wäre ich todunglücklich“, sagt Titus Reinarz. Aber mit ihr schafft er, was die Kreisverwaltung Ahrweiler im Rahmen der Reihe areKULTURlive mit dem „Haus der Kultur“ in Burgbrohl jetzt zeigt: lauter lebensbejahende Zeichen, die auffordern, die Welt mit hellwachen Augen zu betrachten.

Wenn die Kreisverwaltung dem Bildhauer vom 1. bis 29. Juni in Burgbrohl eine Retrospektive ausrichtet, dann, weil er im vollendeten 60. Lebensjahr auf über 40 Jahre künstlerischen Wirkens zurückblicken kann und während seiner Zeit in Sinzig-Löhndorf zahlreiche Werke für den AW-Kreis hervorgebracht hat.

In Sinzig erinnert sein Mahnmal an die Juden, ziert sein Europa-Brunnen den Marktplatz. Eine Europa-Säule trifft man in der Europäischen Akademie in Ahrweiler an, und für den Nürburgring entwarf er eine Rennwagensäule. Auch an anderen Orten des Kreises gibt es Werke des Künstlers, doch nirgendwo ist er präsenter als in seinem Wohnort Löhndorf: mit dem Ochsenbrunnen, der heiligen Elisabeth, St. Jodokus, der St. Georg-Säule sowie den Skulpturen „Schulkinder“ und „Adam und Eva“. Zudem birgt die dortige Kirche Zeugnisse seiner Arbeit. Ferner sind viele Werke in Privatbesitz.

„Die Kirche hat als Auftraggeber dafür gesorgt,
dass ich meine Form- und Bildsprache festigen konnte“

Generell hat sich der sakrale Raum für Reinarz als fruchtbares Schaffensfeld erwiesen. Er kreierte zahlreiche Wasserspeier, Kreuzblumen und Kapitelle, Heiligen-, Tier- und Teufelsfiguren sowie Altäre, Tabernakel und Ambonen. Darüber hinaus zeichnet er für die Gestaltung ganzer Chorräume verantwortlich (Kempen, Neu-Garzweiler oder Frauwüllesheim). „Die Kirche hat als Auftraggeber dafür gesorgt, dass ich meine Form- und Bildsprache festigen konnte“, betont Reinarz.

„Ein Bild geht über die Augen direkt in die Seele“

Er hat sie entwickelt: eine eigene Handschrift. Mit ihr modelliert er in Ton, Gips, Wachs und Stuck, haut sie in Basaltlava, Tuff, Sandstein oder Marmor. So, wie er Ein- und Ausbuchtungen durch gebogene Grate oder gerade Kanten akzentuiert, wie er den Wölbungen ebene Flächen entgegensetzt, Bewegtes gegen Ruhiges stellt, kommt ein unverwechselbares Vokabular zum Einsatz. Oder Reinarz arbeitet unter Verzicht dieses Vokabulars ganz naturnah. Immer aber formuliert er gegenständlich. „Ein Bild geht über die Augen direkt in die Seele. Da kann ich Botschaften transportieren, die praktisch jeden erreichen“, sagt er.

Verstärkend bedient er sich der Symbole. Die rund 30 Skulpturen und Plastiken der Ausstellung, die ergänzt und kommentiert werden durch eine ganze Reihe von Grafiken, zeugen davon. Zu sehen sind etwa eine Säule mit bewohntem Pinienzapfen. Adam und Eva mit der Schlange drängen sich auf der Frucht. Fast möchte man von einem heiteren Sündenfall sprechen, denn nicht nur die Bewohner wirken keck, sondern auch der Zapfen verkörpert Fruchtbarkeit, mehr noch, er steht in christlicher Deutung auch für die Fülle und die Fortdauer des Lebens und somit letztlich für die Unsterblichkeit der Seele. Mehrfach taucht der Schmetterling auf. Er hockt auf der Schulter eines Mannes, auf der Hand eines kleinen Jungen und Fortuna, die Glücksbringerin, hält ihn in ihrer Rechten. Vom Zauber des zarten Geschöpfes gefangen, wird bei manchem intuitiv der Wunsch aufkommen, Ballast abzuwerfen, leichter zu werden. Da überrascht es kaum, dass der Schmetterling als christliches Sinnbild für die Metamorphose vom Irdischen ins geistige Leben gilt.

Den Betrachter das Staunen vor der Natur lehren

Überhaupt lehrt Titus Reinarz den Betrachter wieder das Staunen vor der Natur, die Freude an der Vielfalt der Schöpfung, einerlei, ob er zwei fröhliche Schweine vorführt, ein Chamäleon in einem Breitrelief oder eine Schnecke, Sympathieträger für Geduld und Langsamkeit. Er wirbt mit einer zusammengekauerten Taube für den Schutz allen Lebens, preist mit einem prallen Maiskolben und einem Olivenstrunk die Kraft der Vegetation. Ein reizvoll farbig glasiertes Terrakotta-Huhn zeigt, dass der Künstler bei aller formalen Disziplin dem Ornament nicht abgeneigt ist, wenn es der Schönheit dient. Schönheit wird immer auch thematisiert, wenn es um menschliche Figuren geht. Das gilt für die natürliche Anmut einer Mutter mit Kind und für die Ruhe, die von einer Sitzenden ausgeht. Schön auf besondere Weise ist auch die füllige Tänzerin. Fest auf einem Bein stehend, balanciert sie den restlichen Körper kunstvoll aus und definiert Schönheit so als eine Frage der Haltung.

Die Körper- und Erdgebundenheit der Reinarzschen Figuren eröffnet bei genauerer Betrachtung immer wieder die Rückkopplung ans Geistige. Es ist nicht zuletzt das Wechselspiel dieser Doppelnatur, die seine Arbeiten beseelt.

Handwerklich versiert, inspiriert durch die Natur, Beobachtung des Menschen, Mythologie und theologische Kenntnis, geht Titus Reinarz ans Werk. Er bereitet kraft seiner ureigenen Bildsprache sein Material für Seherlebnisse auf, die Botschaften vermitteln, aber gleichwohl viel Freiheit für individuelle Entdeckungen zulassen.

Ausstellung „Titus Reinarz – Retrospektive“
·Dauer: 1. Juni bis 29. Juni 2008
·Vernissage: Sonntag, 1. Juni, 11 Uhr, Haus der Kultur, Brohltalstraße 77, 56659 Burgbrohl
·Einführung: Pater Drutmar Cremer, Benediktinerabtei Maria Lach, Leiter der Kunstwerkstätten und des Kunstverlags
·Öffnungszeiten: freitags, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr, Haus der Kultur.

Titus Reinarz: Biografie
·geboren am 16. April 1948 in Bad Honnef
·1964 – 1967 Bildhauer- und Steinmetzlehre in Maria Laach bei OSB Theodor Bogler
·1968 – 1976 Kunststudium Kölner Werkschulen/FHS für Kunst und Design, Köln; 1972 staatliches Abschlussexamen
·1972 – 1974 Aufbaustudium an der FHS Köln
·1974 Meisterschüler bei Prof. Hans Karl Burgeff
·1986 Stipendiat der Villa Massimo, Rom
·1981 – 1992 Dozent an der FHS Köln, Fachbereich Kunst und Design
·seit 1992 freischaffender Bildhauer mit eigenem Atelier in Sinzig-Löhndorf.

Weiterführende Informationen
·auf der Homepage des Künstlers www.titus-reinarz.de
·Kataloge: Bildhauer Titus Reinarz (1982); Titus Reinarz Bildhauer (1998); Titus Reinarz Bildhauer – Skulptur und Zeichnung (2008).


Hinweis:
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© Kreisverwaltung Ahrweiler - 23.05.2008

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