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"Wichtig ist die Einsicht, die Krankheit zu akzeptieren"

Der Vater eines psychisch kranken Sohnes berichtet - Neue Gespr├Ąchsrunde des Kreis-Gesundheitsamtes

 

"Wir Angeh├Ârigen sind immer mitbetroffen. Oft ein Leben lang. Hilfreich ist daher der Erfahrungsaustausch in Gespr├Ąchsgruppen, wo man Erfahrungen austauschen kann und Verhaltensweisen besser verstehen lernt." Der das sagt, ist Rudolf Hasencox, Vater eines psychisch kranken Sohnes. Der Vater bevorzugt die Formulierung "psychisch beeintr├Ąchtigt".

Rudolf Hasencox (61) aus Grafschaft-Birresdorf berichtet von seinen ersten Erfahrungen, die er im Gespr├Ąchskreis f├╝r die Angeh├Ârigen psychisch kranker Menschen gesammelt hat. Dieses von der Kreisverwaltung Ahrweiler eingerichtete Treffen findet jeden ersten Mittwoch im Monat statt.

"Es tut gut zu merken, da├č man nicht alleine dasteht", sieht Hasencox in der neuen Gespr├Ąchsrunde vor allem einen sozialen und psychologischen Vorteil. Die Treffen - mit den Mitarbeiterinnen des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Kreis-Gesundheitsamtes und ├ärzten nehmen auch Fachleute teil - seien vor allem f├╝r Mitbetroffene hilfreich, die erst seit kurzem mit psychisch Kranken konfrontiert werden. Rudolf Hasencox spricht von einer "Kontaktbr├╝cke zwischen Angeh├Ârigen in unterschiedlichen Situationen."

Beim Stichwort "Kontaktbr├╝cke" erg├Ąnzt Maria Siebers, eine von vier Sozialarbeiterinnen des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Kreisverwaltung, das Problem der Isolation. Davon seien nicht nur der psychisch kranke Mensch, sondern h├Ąufig auch die Angeh├Ârigen betroffen. Seit den Attentaten auf bekannte Politiker sei die Akzeptanz der Bev├Âlkerung gegen├╝ber psychisch Kranken deutlich gesunken. Viele Menschen reagierten eher ablehnend, mi├čtrauisch und distanziert. Dabei neigten psychisch kranke nicht mehr als "gesunde" Menschen zu Gewalt und Kriminalit├Ąt, stellt Maria Siebers klar. In der neuen Angeh├Ârigengruppe k├Ânnten die Betroffenen aus der Isolation heraustreten und im Austausch mit anderen Angeh├Ârigen neue Wege und Ermutigung finden.

Rudolf Hasencox berichtet von seinem 38j├Ąhrigen Sohn, der vor zehn Jahren psychisch erkrankte. Die Folgen sind nach den Worten von Rudolf Hasencox eine zeitweilig verminderte Konzentrationsf├Ąhigkeit des Sohnes mit Stimmungs- und Leistungsschwankungen sowie schnellerer Erm├╝dung - also eine eingeschr├Ąnkte Belastbarkeit.

Nach einem 15monatigen Aufenthalt in einem Reha-Institut sei der Sohn zu der wichtigen Einsicht gelangt, seine Krankheit zu akzeptieren - damit auch die Notwendigkeit zu regelm├Ą├čigen Arztbesuchen und der Einnahme von Medikamenten. Der Sohn habe auch w├Ąhrend der Reha-Ma├čnahme phasenweise in seinem Beruf als staatlich gepr├╝fter Masseur arbeiten k├Ânnen. Er sei derzeit aber nur zu 50 Prozent der Arbeitszeit voll belastbar, so der Vater. Das Problem: Seit zwei Jahren findet der Sohn, der einen Behindertenausweis hat, keine M├Âglichkeit der beruflichen Wiedereingliederung. Am Rande kommt hier der Vorwurf auf, da├č "zahlreiche Arbeitgeber sich freikaufen von der Behindertenquote".

Belastend sei f├╝r manche psychisch Kranken das Verh├Ąltnis zu gesunden Angeh├Ârigen. Rudolf Hasencox schildert, wie der erkrankte Sohn sich oft mit seinem 'gesunden' Bruder verglichen habe: "Vieles, was glatt und 'normal' l├Ąuft, ist aufreizend f├╝r Kranke, die mit vielen Schwierigkeiten zu k├Ąmpfen haben." Auch k├Ânne Sorge und F├╝rsorge der Familie gegen├╝ber dem Kranken schnell in ein Gef├╝hl der ├ťberbeh├╝tung umschlagen. Der Vater: "Oft erleben wir wirklich einen Balanceakt. Aber ganz wichtig ist, da├č alle - Betroffene und Mit-Betroffene - in Liebe, mit ausdr├╝cklicher Zuneigung und mit Geduld zusammenstehen." Abwechslung im Alltag, neue Bezugspersonen und "alles zu tun, was Langeweile vermeidet", seien empfehlenswerte Ma├čnahmen.

Wichtigste Voraussetzung, den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen zu k├Ânnen, ist nach den Worten von Vater Hasencox die Einsicht des psychisch Kranken, krank zu sein und der Behandlung zu bed├╝rfen. Nur mit dieser Einsicht entwickle sich beim Kranken die Bereitschaft, sich therapieren zu lassen, und bei der Familie die richtige Einstellung, mit der Krankheit und dem Kranken umzugehen. F├╝r die Mit-Betroffenen sei es zudem oft ein fruchtbarer Lernproze├č mit wichtigen Erfahrungen f├╝r das eigene Leben.

Als hilfreich erweist sich nach den Worten des mitbetroffenen Vaters, "bei den Kranken nicht von Fehlverhalten zu sprechen, sondern besser von Sonderverhalten". Auch die Beschreibung "eingeschr├Ąnkte Belastbarkeit" treffe eher den Kern des Problems. Psychisch Kranke seien "d├╝nnh├Ąutig, oft selbst verunsichert und deshalb mi├čtrauisch und leicht verletzlich" mit der Folge, da├č die Familie ein hohes Ma├č an Spannungen aushalten m├╝sse.

Rudolf Hasencox sieht in dem neu eingerichteten Gespr├Ąchskreis jedenfalls einen Ansatz, der Betroffenen weiterhilft. Das Treffen bestehe zwar noch nicht lange, "aber die Gruppe findet sich bereits zu freundlicher und verst├Ąndnisvoller Begegnung." Unerl├Ą├člich sei das gegenseitige Vertrauen. Hasencox: "Man spricht schlie├člich nicht mit jedem ├╝ber solche Probleme in der Familie." - Info: Sozialpsychiatrischer Dienst des Kreis-Gesundheitsamts, Ruf 02641/975-636, /975-637 und /975-638.


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© Kreisverwaltung Ahrweiler - 22.01.1998

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